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Ben Yishai, Sivan

LIEBE/ Eine argumentative Übung

Sprechtheater
Schauspiel

Übersetzer: Maren Kames

Originalsprache: englisch
Besetzungshinweis: Besetzung variabel

Aufführungsgeschichte:
UA: Nationaltheater Mannheim
26.09.2019
Regie: Jakob Weiss

In TTX seit: 05.09.2019

Kennt ihr Popeye? Popeye, den Seemann? Er ist eine Comicfigur, erfunden vor 90 Jahren. Er liebt Spinat, hat diese beeindruckend muskulösen Arme, eine Pfeife lässig im Mundwinkel und stets ein Auge geschlossen – weshalb er nur die halbe Welt sieht.
Und Olivia? Schon mal gehört, den Namen? Olivia Öl? Falls ihr euch nicht erinnert: Sie ist Popeyes Freundin, genau. »Dünn, gereizt, selbstbewusst, idiotisch« – so wird sie im Internet von ihren eigenen Erfindern kategorisiert. Aber vielleicht habt ihr es trotzdem bemerkt: Ihre dunklen melancholischen Knopfaugen blicken wie zwei hungrige Pistolenläufe in die Welt.
Sivan Ben Yishai macht die weibliche Nebenfigur Olivia zum analytischen Gehirn des Textes. Mit ihrer Perspektive schauen wir auf Popeye und die klassische Paarbeziehung. Wir hören die Stimmen aus der Vergangenheit, die Olivia erklärt haben, wie Liebe funktioniert und ihr Selbstbild noch immer bestimmen. Olivia tritt den lieben langen Tag gegen Patriarchat und Diskriminierung an, aber fühlt sich zu tiefem Dank verpflichtet, Popeye, dieses Prachtexemplar von Mann, an ihrer Seite zu haben. Als erfolgreiche Romanautorin spricht sie über Emanzipation, zuhause ist sie wortkarg – aus Sorge, ihre schrille, selbstverhasste Stimme ihn nerven. Und ihr Liebesleben? »Sein Schwanz war wie ein drittes Familienmitglied, sein Schwanz war wie ihr Haustier.«
Nach der Bestandsaufnahme der Situation gerät Olivia im zweiten Akt in Rage und betritt die Kampfzone ihres eigenen Geschlechts. Ihre Vagina wird gewissermaßen zum Erzählorgan, das die Geschichte weitererzählt: über zeitgenössische, feministisch aufgeklärte Beziehungen, in denen noch immer blinde Flecken sind und beiderseits tief sitzende chauvinistische Muster reproduziert werden.
LIEBE ist ein radikales und revolutionäres Stück. Es erfindet einen kollektiven Sprachkörper, der eine nur scheinbar private und intime Geschichte erzählt. Denn die beiden geliehenen Comicfiguren werden zu Jedermann und Jederfrau, zu einer Reflexionsschablone für uns. Sivan Ben Yishai gelingt das auf eine virtuose, entlarvende und sehr lustige Weise. It’s funny, cause it’s true.

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