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Mamet, David

Oleanna - Ein Machtspiel
(Oleanna - A Power Play)

Sprechtheater
Schauspiel

Übersetzer: Samland, Bernd

Werkangaben: Stück in 3 Akten
Dekorationshinweis: 1 Dekoration
Besetzung: 1D, 1H

Bstnr/Signatur: 396

In TTX seit: 27.03.2003

Wer das Wort hat, gibt es nicht gerne her, freiwillig schon gar nicht. Auch wenn es womöglich das falsche Wort ist. Wer sich ins Wort fallen läßt, hat schon versagt. Wer aber gibt wem das Wort? Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Bestimmten Berichten zufolge war am Anfang das Wort. Ein Mann namens Johannes hat diese Auffassung in die westliche Welt gesetzt. Sie hat sich bis heute gehalten.


John heißt der Professor in David Mamets "Oleanna". Und wenn der Vorhang aufgeht, sitzt er in seinem Büro und telefoniert mit seiner Frau; es geht um den Kauf eines Hauses, jetzt, wo John kurz vor der Professur auf Lebenszeit steht. Er ist anscheinend ein gemachter Mann. Bei ihm im Büro ist die junge Studentin Carol und bittet um Rat und Hilfe. Er hat das erste Wort. Sie stellt die erste Frage. Am Ende ist er Professor Ratlos. Es, nein, sie hat ihm die Sprache verschlagen, so daß er tatsächlich zuschlägt. Er ist erledigt. Das letzte Wort hat Carol: "... einer muß immer leiden. Und bisweilen leiden wir alle. Ist es nicht so? (Pause) So ist es."


Was ist passiert?


Ein Lernprozeß.


Mit noch nicht tödlichem Ausgang.


Der verständnisvolle Professor John geht auf die lernwillige Studentin Carol ein, der nach eigenen Angaben das Lernen so schwerfällt; er kommt ihr entgegen, bietet ihr Nachhilfe in seinem Büro an, will mit ihr den Lehrstoff seines Seminars noch einmal durchgehen und ihr nicht ausreichendes Referat als "bestanden" werten.


Wie der zweite Akt zeigt, hat Carol alles anders verstanden. Sie hat John der sexuellen Zudringlichkeit bezichtigt, woraufhin das Berufungskomitee ihn vorläufig nicht auf den Lehrstuhl beruft. Was ein klärendes Gespräch sein soll, gerät für John immer mehr zur Schlinge, die Carol immer fester zuzieht.


Sie erzählt "ihre "Wahrheit und bringt damit das etwas selbstgefällige Weltbild Johns ins Wanken, bis er nichts mehr versteht und bei ihr den Eindruck erweckt, sie am Verlassen des Büros zu hindern, und sie um Hilfe schreit.


Im dritten Akt haben sich die Fronten völlig verkehrt. Aus der Bittstellerin vom Anfang ist eine Kämpferin mit Macht im Rücken geworden, die ihre und die Interessen ihrer Gruppe verficht. Was mit Carols Demutsgeste begann, endet mit ihrer Forderung nach Unterwerfung, die John schließlich erfüllt.


Ein Stück vom rechten Gebrauch und vom rechten Verständnis der Worte. Wie immer bei Mamet ein Machtkampf, nur daß John erst gar nicht begreift, wie und warum er entmachtet wird. Denn der tätliche Angriff erfolgt erst am Ende. Was anfangs in Johns Büro wirklich passiert ist, bleibt wie bei den Anhörungen in der Sache Anita Hill gegen Clarence Thomas 1991 ungeklärt. Eingebettet in die amerikanische Diskussion über "politische Korrektheit" und "sexuelle Belästigung", die immer mehr Züge eines autoritären Kreuzzugs annimmt, weist Mamet aber weit über die amerikanische Situation hinaus. Mamets dramatischer Befund offenbart den Zusammenbruch der Kommunikation und damit einen unüberbrückbaren Graben, der die Gesellschaft spaltet. Wenn eine Seite diktiert, kann es keine Verständigung geben. Wenigstens das hat John am Ende gelernt. Die gar nicht bösartige - eher liberale - Selbstverständlichkeit, mit der er anfangs das Wort führte, ist der erzwungenen Einsicht in die eigene Fehlbarkeit gewichen. Diese Einsicht aber steht Carol noch bevor. Ihr Triumph ist deshalb so beunruhigend, weil zu vermuten ist, daß sie und ihre "Gruppe", die nun die Macht, das Wort und das Sagen haben, zu dieser Einsicht von allein nicht fähig sind. Wenn aber Gruppeninteressen sich für das Allgemeinwohl ausgeben, hat das Gemeinwesen nicht mehr viel zu lachen.



So ist es. Wie es scheint.

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