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Pellet, Christophe

Das Giraffenkind
(Le garçon girafe: I. Encore une année pour rien - II. La où ça fait mal - III. Le garçon girafe)
I. Wieder ein Jahr umsonst - II. Der Schmerzpunkt - III. Das Giraffenkind

Sprechtheater
Schauspiel

Übersetzer: Palm, Reinhard

Werkangaben: Trilogie
Dekorationshinweis: Verw - Dek
Besetzung: 3D, 8H
Besetzungshinweis: I. 2 D, 3 H - II. 2 D, 2 H, 1 Junge - III. 3 D, 4 H

Bstnr/Signatur: 153

In TTX seit: 28.10.2003

Christophe Pellet, 1963 in Toulon geboren, schrieb seine ersten Texte für den Rundfunk. Sein Stück ENCORE UNE ANNEE POUR RIEN (WIEDER EIN JAHR UMSONST) wurde von Martin Crimp ins Englische übersetzt, am Royal Court von Mary Peate uraufgeführt und bei Methuen Drama publiziert. LA OU CA FAIT MAL (DER SCHMERZPUNKT) kam bei den "Rencontres Internationales de Théâtre" im Mai 2000 in Dijon in der Regie von Anastassia Politi heraus. Die beiden Stücke erhielten ihre Fortsetzung mit LE GARCON GIRAFE (DAS GIRAFFENKIND), und so erschien im Herbst 2000 die Trilogie LE GARCON GIRAFE als Buchausgabe bei L'Arche Editeur in Paris. Christophe Pellet lebt als Theater- und Drehbuchautor in Paris.

Christophe Pellet hat mit seiner Trilogie DAS GIRAFFENKIND eine theatralische "éducation sentimentale" unserer Zeit geschrieben. Mit den Achtzigerjahren, in denen das erste Stück WIEDER EIN JAHR UMSONST spielt, haben die Beziehungen, haben Freundschaft und Liebe ihr Wesen grundlegend geändert. Die Euphorie der sexuellen Befreiung ist abgeklungen und erhält von dem 1983 neu entdeckten HIV-Virus einen harten Schlag. Die Computer nehmen sich mehr und mehr der Kommunikation an und lassen nur noch zu, was - wie schnell und kompliziert auch immer - zu berechnen, eindeutig zu entscheiden ist. Der Sex fällt durch die Todesdrohung (AIDS) und die Reproduzierbarkeit des organischen Lebens (Gen-Technologie, Samenraub) aus dem natürlichen Zyklus heraus. Seine Sinnlosigkeit, jenseits von Fortpflanzung und Ekstase, durchdringt die Beziehungen bis in die kleinste Emotion. Ohne zu denunzieren und ohne anzuklagen, dafür mit umso kälterem Interesse nimmt sich Christophe Pellet seiner Figuren an. Ihre Alltäglichkeit enthebt sie nicht der Monstrosität ihrer Handlungen, ihre Getriebenheit nicht der erbärmlichen Egozentrik ihrer Gefühle, durch die sie einander anstecken und vergiften bis in den Tod.

Wieder ein Jahr umsonst (Encore une année pour rien)

Vier Menschen, am Ende ihrer Jugend, vor dem Leben stehend.

Sie könnten verschiedener nicht sein, und doch haben sie sich als Einzelne noch kaum definiert. Das bisschen Geschichte, das hinter ihnen liegt, ist nicht der Rede wert, und die Zukunft beschränkt sich vorderhand aufs nächste Fest.

Wie wirke ich, wenn ich besoffen bin? Welcher Stil steht mir am besten?

Das sind die Sorgen von Norman und Clarisse, während die beiden anderen, Julien und Nathalie, ihren Platz in der Arbeitswelt suchen. Nathalie serviert im Café der Provinzstadt, in der man auch sonst provisorisch behaust ist, Julien steigt in das Team einer Firma ein.

Die Beziehungen sind noch im Versuchsstadium: Clarisse probiert bei einem Fest in Juliens Wohnung Norman aus und ein paar Nächte später Julien, um letztlich nichts als ihre fünfjährige Liaison auf die Probe zu stellen. Julien lebt da bereits mit Norman zusammen und verkuppelt diesen an einen Arbeitskollegen "in den besten Jahren". Dessen Geld, das ihm seine besonderen Neigungen wert sind, ersetzt Norman den Lohn, den er durch keines seiner "Projekte" verdient.

So gleitet Norman in jene körperlich-symbiotische Abhängigkeit, vor der er sich kostbar schützen wollte. Und Nathalie, die Kellnerin, bleibt mit dem Geld, das Norman am Ende nicht mehr interessiert, im Café zurück.

Was für Nathalie wie die Laune eines gewöhnlichen Arbeitstags erscheint, lässt Norman vor dem Leben kapitulieren. Aber wen kümmert's? Schliesslich hatte man ja nichts miteinander zu tun.

Und die Frage, warum man trotzdem zusammen war, beantwortet höchstens die alles verbindende Teilnahmslosigkeit. Vier junge Menschen: die einen bleiben wie angewurzelt vor dem Leben stehen, die andern reisst es mit sich.

Was man vor Dreissig nicht geschafft hat, schafft man nie mehr. Darum gilt es, Zeit zu gewinnen, während man sie noch vertrödelt oder geniesst. Mancher mogelt sich durch, um ein Jahr umsonst zu bekommen, betrügt den Spiegel, den Kalender und zuletzt sich selbst.

Der Schmerzpunkt (Là où ça fait mal)

Drei "alte Bekannte" aus einer Provinzstadt am Meer - Clarisse, Julien, Nathalie - hat das Leben in der Hauptstadt ihres Landes zusammengeführt.

Wie damals, zu Beginn ihres Erwachsenenalters, treffen auch hier ihre alltäglichen Schicksale in einem Café aufeinander. Nathalie, die früher Kellnerin war, führt mittlerweile ihr eigenes, florierendes Lokal, Julien ist Abteilungsleiter in einer Boutique geworden, und Clarisse, die mit ihm ein halbes Jahrzehnt liiert war, wendet sich einer neuen Liebschaft zu, dem Informatiker Jim, der in seiner Freizeit gerne Golf spielt.

Womit das Quartett wieder komplett und zu neuen Spielen aufgelegt wäre. Clarisse zieht mit Jim zusammen, ohne sich von Juliens Liebe wirklich befreien zu wollen. Nur gut, dass auch Julien sich mit Jim versteht. Das neue Paar, Clarisse und Jim, organisiert sich bald so, dass es sich auch an Wochenenden nicht mehr sieht. Denn Clarisse fühlt sich von Nathalie angezogen, und beide könnten sich Julien als Vater ihres Kindes vorstellen. Was jedoch als kleine, ahnungslose Plauderei beginnt, nimmt bald die konkrete Form eines Lebensplans (und vielleicht eines Wettlaufs mit der weiblichen Uhr) an.

So wohl etabliert die vier Protagonisten in ihrer Berufswelt sind, so wurzel- und orientierungslos bleiben sie in ihren Beziehungen und Gefühlen. Und durch ihre kleinen, tagtäglichen Katastrophen von Zuwendung und Abneigung, von flüchtigem Liebesglück und grundsätzlicher Enttäuschung windet sich das Leben eines Zeitungsjungen.

Seine Obdach- und Zukunftslosigkeit bündelt die Situation der Einzelnen wie ein beunruhigendes Bild: Verbot und Erkenntnis liegen in ihm. So lädt Julien diesen rätselhaften und wortkargen Boten im Regenmantel zum Silvesterfest bei Clarisse und Jim ein. Gegen den Morgen zu, als man vom Champagner und vom neuen Jahr schon müde ist, tötet der Junge Jim mit Juliens Messer. Jim hat es sich gewünscht. Und Julien, der als Täter gut in Frage kommt, nimmt den Mord auf sich.

Seine Strafe, das Gefängnis, scheint nichts als eine Fortsetzung seines Lebens zu sein. Jim ist tot, und Julien, der nützliche Befruchter, durch das Gesetz ausgeschaltet. Nathalie wird das von ihm gezeugte Kind gebären und Clarisse zu einer neuen Aufgabe verhelfen.

Das Giraffenkind (Le Garçon girafe)

Auf den ersten Blick ist Nathalies Haus am Meer in jedem Sinn gut situiert.

Sie, die als Kellnerin in dieser Kleinstadt begonnen hat, wickelt nunmehr globale franchising-Geschäfte von Tokyo über London bis San Francisco ab. Sie lebt mit Clarisse zusammen, die ihrem Jungen Nils eine "zweite Mutter" ist. An Geld und Aufgeklärtheit fehlt es nicht, die Verhältnisse könnten geordnet sein, aber...

Nils ist magersüchtig. Und sein biologischer Vater, Julien, sass bis eben eine Gefängnisstrafe wegen Mordes ab. Clarisse, die mit Julien vor rund zwei Jahrzehnten zusammenlebte, hat ihn - allein schon wegen Nils - nie ganz vergessen und so, über die gleichgeschlechtliche Alternative hinweg, letztlich eine Dreiecksbeziehung gepflegt.

Und auch Nils findet sich in eine ähnliche Konstellation verstrickt. Sein Freund Lucas ist zwischen Lucie und ihm, zwischen Frauen- und Männerliebe nicht entschieden. So überlagern sich zwei wenig konventionelle Dreiecksbeziehungen in beiden Generationen: zwei Frauen, ein Mann bei den "Müttern", zwei Männer, eine Frau bei den "Kindern".

Da macht Lucie ihrem Freund Nils ein seltsames Geschenk: Halsringe, wie sie beim afrikanischen Stamm der AmaNdebele von den Frauen als ewiges Schönheitsmal getragen werden. Nach und nach wird ein neuer Ring wie ein Schmuckkorsett um den Hals gelegt, so dass dieser, länger und länger werdend, nur noch dadurch gehalten wird. Ein Abnehmen der Ringe hat den sofortigen Tod zur Folge.

Der Ring, in unserer europäischen Kultur Symbol einer besiegelten Beziehung, bekommt durch das ambivalente Spiel der jungen Leute eine gefährliche, physische Gewalt. Und wie sich Nils davon angezogen fühlt, so unwiderstehlich zieht es Clarisse zum abgestempelten Mörder Julien, der sie am ersten Tag seiner Freiheit in einem Hotelzimmer erwartet.

Clarisse macht sich mit Julien, nicht ohne sich von Nils auf ihre Weise verabschiedet zu haben, davon. Nils stirbt. Aber Lucie erwartet ein Kind von Lucas, den sie auf Anraten Nathalies ähnlich "gebrochen" hat wie diese seinerzeit Julien.

So werden die Geister der Vergangenheit durch neue vertrieben, wird ein Ring erbarmungslos und unaufhaltsam auf den anderen geschichtet... (Reinhard Palm)

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