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Brunner, Katja

Den Schlächtern ist kalt Oder OhlalaHelvetia

Sprechtheater
Schauspiel

Werkangaben: UA: 12.10.2017, Schauspielhaus Zürich
Besetzungshinweis: Bes. variabel

Bstnr/Signatur: 946

In TTX seit: 11.02.2019

Willkommen in der Schweiz, dem Wohnzimmer Europas, in dem die Zeit behaglich still steht, abgestanden ist, und vor dessen Schwelle man sich besser den Horror von den Füßen bürstet! Fest steht: Die Weltgeschichte spielt anderswo. Dort, wo nie etwas geschieht und jeder Tag dem andern wie aus dem freundlichen Gesicht geschnitten scheint, kann auch nichts passiert sein, über das geredet werden sollte.
Und so ist der Tod von mehr als 1000 Schweizer Juden und Jüdinnen, Kommunist*innen und Andersdenkenden zur Zeit der NS-Herrschaft bis heute ohne systematische Aufarbeitung geblieben, existieren zwar Archivakten, aber keine Form für das Gedenken, für die Erinnerung. Denn der Holocaust passierte ja wohl andernorts, zumindest nicht in der neutralen Schweiz, dem wohligsten Innenraum des Kontinents.
Katja Brunner beruft sich auf das Recht, im Theater das Unaussprechliche und Unausgesprochene zu berühren, das Außergewöhnliche zu beschwören, das Alltägliche mit schriller Klage zu zerbrechen. Dafür zitiert sie in DEN SCHLÄCHTERN IST KALT eine außergewöhnliche, ja, eine unmögliche Besetzung herbei, entreißt historisches Material und Sichergeglaubtes den grimmig verwahrenden Schubladen.
In ihrem Spiel mit Schweizer Geschichte(n) und Tradition treffen sich Robert Walser und ein gerupftes Huhn für einen Spaziergang durch das Elend, durchstreifen totgeglaubte Lagerinsassen die wohlbehüteten Heimatidyllen und tanzen Märchenfiguren durch gutbürgerliche Albtraumszenarien, am Rande ruht ein Toter im Schnee.
Ohne historische Tatsachen als Thema oder Schlagworte zu benutzen, arbeitet sich Brunners Text durch bislang kaum verhandelte Schweizer Vergangenheit, spinnt poetische Assoziationen und verwirrt scheinbar unverbrüchliche Traditionslinien. Sie (er)findet Bilder und Szenen, deren Zusammenhalt die Unruhe ist, welche dem Ringen um eine ungehaltene Sprache entspringt. Brunner nimmt sich vor, althergebrachte Geschichtsbilder und Narrative, mit denen nationale Identitäten überliefert werden, zu bearbeiten und entwirft dafür einen Text, der den Aufstand probt, der danach verlangt, ausgesprochen zu werden.
DEN SCHLÄCHTERN IST KALT ODER OHLALAHELVETIA ist ein radikales Sprachspiel, ein Tanz des Zufalls mit der Wirklichkeit, eine verzweifelt lustvolle Eingabe in einer fremden Sprache.

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