Mit »Medea« hat Euripides eine der faszinierendsten und verstörendsten Tragödien der Antike geschaffen. In über 200 Bearbeitungen erfährt sie eine enorme Rezeptionsgeschichte. Anfänglich nur eine Episode in der Fahrt der Argonauten, wird Medea im Laufe der Jahrhunderte zu einer der bedeutendsten Frauenfiguren der Weltliteratur. Roland Schimmelpfennigs Bear beitung des Stoffes verbindet die Tragödie des Euripides mit dem psychologischen Zugriff Grillparzers und legt den Schwerpunkt auf die Reflexion des Mutterbildes in einer Männergesellschaft. Iason und Medea haben ein rastloses Nomandendasein in Griechenland hinter sich. Medea ist und bleibt die Fremde, die argwöhnisch beäugt und gemieden wird. Der hiesigen Erwartung an eine „gute“ Ehefrau und Mutter entspricht sie jedenfalls nicht. Aus Iolkos musste das Paar fliehen wegen Mordverdachts am Herrscher Pelias. Jetzt, im neuen Asyl Korinth, beschließt Iason, dieser Unglücks-Liaison ein Ende zu bereiten und Medea zu verlassen, um die Königstochter Kreusa zu heiraten und endlich doch noch König zu werden. Medea und die Kinder sollen verbannt werden. Die Fremde stört nur noch. Da beschließt sie eine ungeheure Tat: sie wird ihre beiden Kinder opfern – für ihr Gerechtigkeitsempfinden, als Vergeltung dafür, dass ihr nur mit Ressentiment und Misstrauen begegnet wird, als grausamer Akt gegen Iason, sich selbst und ihre Fehlentscheidung, dem Mann in die andere Welt gefolgt zu sein.
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