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Haller, Christian

Leben

Sprechtheater
Schauspiel

Besetzung: 2D, 2H (4 Darst.)

Bstnr/Signatur: 1021
Rechtevertretung: Liepmann AG, vertreten durch die Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH

Frei zur UA

In TTX seit: 27.03.2001

Eine Party zu Ehren des Dichters Thomas Moers (63) soll stattfinden, die eigentlich ein Abschiedsfest ist: man wartet auf die Gäste. Der von einem Gehirntumor schon tödlich gezeichnete Schriftsteller, von Freunden Atouche genannt, hat "die Sprache verloren". Die semantischen und kausalen Wort- und Wertgebäude werden durch die Krankheit zerstört, alles ist plötzlich gleichgültig. Nach den alten Begriffen suchend, besinnt sich der Dichter auf die einfache, sinnlich konkrete Erfahrung: Atouche unternimmt immer wieder den Versuch, eine Zigarette anzustecken, was seine Frau ängstlich zu verhindern bemüht ist. Nur durch hartes Training kann der inzwischen auch motorisch geschädigte Mann am Ende zudem kleinen, elementaren Genuss einer Zigarette gelangen. Der Vorgang wird für Atouche zur "Überlebensfrage" - er ist "wirklicher als alles, was im Stückgesagt wird" (Zitat aus den vorangestellten Regiebemerkungen). Während also der von den anderen fast mythisch verehrte Atouche sich häufig in
sein Zimmer (dem zweiten, zumindest einsehbaren Spielort) zurückzieht, um "nachzudenken", lässt er drei in verzweifelter Selbstbespiegelung befangene Menschen im Wohnraum zurück. Da ist Anna, Atouches Frau, vom Leben an der Seite eines eigenwilligen, häufig ausschweifenden Genies verhärtet und verunsichert. Da ist der zwanzig Jahre jüngere Journalist Stefan, ein Schützling Atouches, der sich krampfhaft aus dem Würgegriff seiner literarischen Vorbilder zu befreien versucht. Aus der "jugendlichen Frische" von Atouches Tochter Martina will er die Kraft zum Absprung ziehen. Doch Martina trägt ebenfalls schwer an derAutorität des Vaters und hat es bisher nicht geschafft, ein eigenes Leben zubeginnen.
Haller demontiert eine intellektuelle Inzestgemeinschaft, die sich hinter Zitaten über die allumfassende Sinnlosigkeit und einem "mystisches So-Sein" verbarrikadiert hat. Nach und nach gibt einer dem anderen zu, dass alle anderen Party-Gäste, die Kollegen und Freunde, längst abgesagt haben. Der Auseinandersetzung mit Atouches Sterben geht man lieber aus dem Weg. So bleibt der Tod als Bedrohung und Herausforderung zugleich einziger, unsichtbarer Gast in einer Gruppe von Menschen, die trotz allem Gerede von "Bewusstheit" und von der Wirklichkeit der Gedanken nicht den Mut zu einem selbstbestimmten Leben finden. Nur der Dichter, aufgeschreckt durch tödliche Krankheit, ist wieder auf dem Weg zu sich selbst.

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